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Die Herstellung der Lackminiaturen von Palech

Arbeit zu Puschkins Dichtung “Ruslan und Ludmilla” von Sergey Velikanov, dem Vater unserer Autorin
Arbeit zu Puschkins Dichtung “Ruslan und Ludmilla” von Sergey Velikanov, dem Vater unserer Autorin

Von Anastasia Velikanova

In meinem letzten Artikel über Palech (zu finden an erster Stelle bei den Links unter dem Artikel) berichtete ich über die Geschichte dieses fantastischen Ortes und meine Studentenjahre dort. Diesmal möchte ich versuchen, den schwierigen Prozeß der Schöpfung dieser Märchenkunst darzustellen.

Wie im erwähnten Artikel gesagt wurde, gab es nach der Revolution von 1917, als die Ikonenmalerei verboten worden war, ein Problem für die Ikonenmaler von Palech – sie mußten neue Wege finden, um ihre großartigen künstlerischen Fähigkeiten anzuwenden. Also schufen sie einen neuen, einzigartigen Stil von Miniaturen mit einer außergewöhnlichen Subtilität künstlerischer Techniken. Kostbare Arbeiten der Meister von Palech bestanden viele Ausstellungen in Europa, Asien und Amerika mit einem Triumph und gewannen den großen Preis der Weltausstellung in Paris.
Die Grundlagen von Stil und Technik der Lackminiaturen von Palech entwickelten sich bereits in den ersten zehn Jahren des Bestehens der Artel-Gruppe der alten Malerei. Die neue Kunst übernahm  viele Traditionen der Ikonenmalerei – konventionelle (einfache und strenge) Bildformen, dünne und flüssige Linien, authentische Formen von Architektur, Landschaften und Ornamenten und die Verwendung von Temperafarben, geschmolzenem Blattgold und die Technik der glatten Überlagerung der Farben.

Die ersten Miniaturisten von Palech, die in der Vergangenheit Ikonenmaler waren, gaben ihr Wissen und ihre Fertigkeiten an die nächste Generation von Meistern weiter.

Die Herstellung der Palecher Miniaturen ist ein wirklich schwieriger, zeit- und kostenaufwendiger Prozeß, so daß die verschieden geformten Schachteln, Teller usw. aus Palech recht teuer sind – doch sind sie ihren Preis sicher wert.
Die in Palech aus einer speziellen Pappmaché hergestellten Produkte sind von sehr hoher Qualität. Traditionell sind die Arbeiten in mehreren Schichten außen schwarz und innen rot lackiert. In diesem Zustand landen sie auf dem Tisch des Künstlers.

Um auf der Oberfläche der Schachtel gut malen zu können, muß der Künstler sie mit natürlichem Bimssteinpulver abschleifen, so, daß sie matt wird. Die Arbeit wird unter einem speziellen Ständer, auf welchen der Künstler seine Hand legt, plaziert, eine Art “Handbank”, genannt “podruchnik”. Der Künstler malt auf der rauhen Oberfläche mit einem anderen Spezialinstrument, welches wie ein Holzstift mit einer stumpfen Nadel aussieht. Manche Künstler malen gleich direkt auf die Oberfläche, andere machen erst eine Zeichnung auf Papier und übertragen es dann mit weißer Farbe auf ein sehr dünnes Pauspapier und schließlich von diesem mit dem „Stift mit Nadel“ auf die Oberfläche der Schachtel.
Zur Herstellung der Farben benutzen die Künstler gleichfalls alte Techniken – sie nehmen trockene Farbpigmente und verdünnen diese mit Eiweiß, Eigelb und Essig. Der Künstler kann diese Temperafarben fast zwei Wochen nutzen, anschließend stellt er eine neue Portion her. Zuerst zeichnet er die Konturen mit weißer Tempera – Figuren, Elemente der Landschaften und Bauwerke –  mit einem sehr dünnen Pinsel aus Eichhörnchenhaar. Alle Konturen werden auch mit weißer Farbe gefüllt. Wenn das Weiß getrocknet ist, kann der Künstler mit den Farben beginnen. Wo die weiße Schicht am dicksten ist, wird die Farbe heller werden… und umgekehrt. Nachdem die lokalen Farben aufgetragen sind beginnt eine große Arbeit an den Details, natürlich mit sehr, sehr dünnen Pinseln. Das Bild wird räumlich. Alles, was sich im Schatten befindet, wird durch dünne Farbschichten etwas dunkler, und alles im Licht Liegende wird heller, indem der Hauptfarbe mehr Weiß beigemischt wird (wir nennen dies probela“, vom russischen Wort „belyi“, weiß).

Traditioneller Arbeitsplatz und künstlerische Utensilien der Künstler von Palech
Traditioneller Arbeitsplatz und künstlerische Utensilien der Künstler von Palech

Nach Abschluß der Arbeit mit den Farben beginnt der Künstler, das Gold hinzuzufügen. Die goldene Farbe ist eine Visitenkarte der Malerei von Palech. Es ist sehr schwierig, sich Palecher Schachteln ohne Gold vorzustellen.

Die Meister benutzen tatsächlich echtes Gold – Blattgold in sehr dünnen Blättern. Das Blattgold wird mit dem Finger für fast eine Stunde auf einem Porzellanteller in einer Mischung aus Wasser und Gummi Arabicum zerrieben. Auf diese Weise erhält der Künstler die goldene Farbe. Nachdem alle Details und Ornamente mit Gold gemalt sind (immer mit der Hand, ohne Schablone) muß der Künstler das Gold polieren, damit es glänzt. Sehr oft benutzen die Künstler von Palech dazu wie in alten Zeiten den Zahn eines Tiers (ich hatte einen Wolfszahn, denn mein Großvater war ein Jäger!) oder etwas Neues, aber gleichfalls in Zahnform.

Zum Bemalen der Seiten der Schachteln wird in Palech ein besonderes Brett mit Schlitzen genutzt, welches aussieht wie ein Kamm, der in einem Schlitz auf dem Tisch steckt. Die Schachtel wird an den Zähnen des Brettes befestigt.
Doch damit ist die Arbeit des Künstlers noch nicht beendet. Nach alledem wird das Kunstwerk erneut lackiert und zu einem speziellen Meister gebracht, wo es poliert und wieder lackiert wird. Es wird nahezu auf Spiegelglanz poliert. Nun verstehen Sie vielleicht, wie schwierig und einzigartig der Herstellungsprozeß dieser Miniaturen von Palech ist.
Heutzutage arbeiten die Künstler in Palech eher zuhause, doch zu Zeiten der UDSSR gab es eine große Werkstatt, wo sie alle zusammen gearbeitet haben. Natürlich war dies für jüngere Künstler sehr hilfreich. Nun vereinen sich die Künstler in verschiedenen Palecher Organisationen und Werkstätten, welche nach Bestellungen von Souvenir- und Kunstläden und Galerien arbeiten. Und natürlich können die Meister ihre Arbeiten nun auch im Internet anbieten, so daß jeder an jeglichem  Ort im Universum sie bestellen kann.

(Aus dem Englischen übersetzt von Ruedi Strese)

Unsere Autorin: Anastasia Velikanova wurde 1986 in Palech, einem bedeutendem Zentrum der traditionellen russischen Ikonenmalerei und Lackminiaturenherstellung, geboren. Ihre Eltern waren bereits in diesem Kunstzweig tätig. Sie lernte an der Kunstschule in Palech und anschließend an der dortigen Kunstoberschule, wo sie 2005 ihr Abitur machte. Danach ging sie nach St. Petersburg und studierte bis 2010 russische Kunstgeschichte an der Staatlichen Russischen Kunstakademie. In Folge erwarb sie im Selbststudium Kenntnisse in digitaler Kunst und Design und arbeitete zwei Jahre in einem Studio für Animationsfilme. Sie ist derzeit in Sankt Petersburg als Graphikdesignerin, Malerin und Musikerin tätig.

Verweise:
http://www.art-depesche.de/malerei/138-russische-volkskunst-%E2%80%93-zur-miniaturmalerei-von-palech.html
http://rusplt.ru/society/palehskie-shkatulki-ne-mogut-stoit-deshevo-17871.html
http://www.museum.ru/palekh/r_3_5.htm

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