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Casey McKee: „Cultural Devolution“ – von Shanghai nach Berlin

Casey McKee „Stuffed“ (100 x 77 cm, Foto, Öl auf Leinwand, 2016)
Casey McKee „Stuffed“ (100 x 77 cm, Foto, Öl auf Leinwand, 2016)

Von Ruedi Strese

Der US-amerikanische Künstler Casey McKee schafft es, eine Kritik der Konsumgesellschaft erfreulich unideologisch und ohne zu langweilen auf die Leinwand zu bringen. Zur Umsetzung der Thematik bedient er sich einer Mischtechnik aus Fotografie und Ölmalerei. Wir besuchten ihn in seinem Berliner Atelier und sprachen mit ihm über seine Arbeit und insbesondere die kommende Ausstellung „Cultural Devolution“ in der artfein GALLERY.

An Ausstellungen in Berlin teilgenommen hat er mehrfach, doch dies wird nun seine erste Soloausstellung sein. Zu sehen sind brandneue Arbeiten, die es in sich haben. McKee, geboren 1976 in Phoenix (Arizona), der seine künstlerische Laufbahn als Fotograf begann, hatte sich ein Jahr in China, vor allem Shanghai, aufgehalten und sich dort zu einer neuen Serie von Arbeiten inspirieren lassen.

Er schildert seine Eindrücke: „China erlebt ein gewaltiges Wirtschaftswachstum. Alles, was passiert, passiert dort in unglaublichen Dimensionen. Es ist die denkbar größte Bewegung aus der Armut in einen gewissen Wohlstand, und es passiert in hoher Geschwindigkeit. Der Enthusiasmus der Menschen für den Konsum ist verständlich, aber die Kehrseite der Entwicklung findet dadurch kaum Beachtung. Alles ist voll mit Werbung, und Shanghai ist dabei am schlimmsten.“
Die Arbeit hat mit Farbfotografien begonnen, für die sich die Personen vor einer weißen Leinwand ablichten ließen. Dann wurden diese Fotografien in Schwarz-Weiß auf die Leinwand gedruckt, wo sie nun mit Ölfarben übermalt werden. In unterschiedlich dicken Schichten, je nachdem, wieviel von der ursprünglichen Fotografie noch erkennbar sein soll. Die Figuren tragen recht traditionelle chinesische Kleidung – eine ironische Anspielung auf die nachkolorierten gekünstelt exotischen Fotografien aus Japan, welche um 1900 in Europa in Mode waren, wie uns McKee erklärt.
In Kontrast gesetzt werden diese Motive nun mit westlichen Konsumgegenständen – IKEA-Möbeln, Fernsehern… ein kleines Mädchen sitzt verschüchtert auf einem Stuhl, hinter ihr türmt sich ein bedrohlich wirkendes Meer aus Kuscheltieren auf. McKee geht es nicht um einen ideologischen Ansatz, er sieht bei seiner Kapitalismuskritik den Menschen als soziales Wesen, der durch den weltweit gleichen „konsumeristischen“ Einheitsbrei eingeebnet und seiner Identität, der seelisch-geistigen Gebundenheit und Sicherheit beraubt wird.

Daher der Titel „cultural devolution“, „kulturelle Rückentwicklung“, die zugleich politische Rückentwicklung sei. Kultur ist immer das Spezifische, stellen wir fest, das Gegenteil des egalitären „consumerism“. Die Kultur gehe verloren, auch das Bewußtsein der eigenen Geschichte. Meine Zuspitzung dieses Gedankens, China erlebe derzeit eine „High-Speed-Disneyisierung“ findet Zustimmung.

Auf die Schwierigkeiten politischer Kunst generell angesprochen, führt McKee aus: „Kunst soll immer visuell ansprechen, das muß auch für politische Kunst gelten. Sie darf nicht zu offensichtlich sein. Niemand möchte gerne belehrt werden, ich auch nicht. Selbst wenn ich inhaltlich einverstanden bin, würde mich die Art und Weise abstoßen.“
Wir kommen auch auf das Prinzip der Serie zu sprechen. Üblicherweise fertigt McKee zu einem bestimmten Thema eine ganze Reihe von Arbeiten an. „Ein einzelnes Bild wird einen Teil aussagen, aber es reicht nicht aus, ein Teil wird auch verloren gehen. Durch die Serie zu einem Thema erst entsteht ein vollständigeres Bild.“

Diesen Gedanken verfolgte er bereits in der Vergangenheit. Für „Milking the Cashcow“ mietete sich McKee 2007 in einem mittelalterlichen Museumsdorf ein und ließ Manager Frondienst leisten, 2005 gingen bei „Corporate Warfare“ Geschäftsmänner mit Aktentaschen aufeinander los. Ein Bild in seinem Atelier zeigt eine Mumie im Anzug. „Der Geschäftsmann hat kein Gesicht, er gehört keiner Nation an. Der Kapitalismus ist überall der gleiche“ erklärt der Künstler dazu.

Bildbänden mit seinen Werken gibt es bislang nicht, allerdings diverse Kataloge, zudem sind im Buch „The Upset“ von 2008 des Verlags „Die Gestalten“ einige Arbeiten zu sehen. Die Ausstellung in der artfein GALLERY (Hornstraße 20 in 10963 Berlin) ist vom 22.4. bis 28.5.2016 zu sehen; zur Eröffnung am 22.4., ab 19 Uhr, wird der Künstler persönlich anwesend sein.

Verweise:
http://caseymckee.com/
http://www.artfein.com/casey-mckee-cultural-devolution/
http://www.artfein.com/casey-mckee/
https://de.wikipedia.org/wiki/Casey_McKee
https://en.wikipedia.org/wiki/Casey_McKee
http://www.galerie-greulich.de/kuenstler/McKee/McKeeKuenstler.html
https://web.archive.org/web/20070518004117/http://www.ftd.de/lifestyle/outofoffice/:Out%20Office%20Brutales%20Business/198406.html

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