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Aquarelle von Meisterhand – Elena Bazanowa im Interview

Elena Bazanowa
Elena Bazanowa

Unübertreffliche Meisterschaft beinhaltet den vollständigen Besitz des Mediums, präzise Technik sowie eine Stimmung der Ruhe und Harmonie mit der Natur – das alles zeigt die weltweit anerkannte Bändigerin des Aquarells Elena Bazanowa in ihren Stilleben. Mit der Ausbildung zur Illustratorin hat sie ihre Berufung in diesem zarten und komplizierten Metier gefunden. Elena Bazanowa wohnt und arbeitet in Sankt Petersburg, sie hat an über 50 internationalen Gruppenausstellungen teilgenommen, hatte fünf Einzelausstellungen im Ausland und mehrere in Rußland – und dazu findet sie noch Zeit und Energie, sich mit den Interessierten zu treffen und ihre Erfahrungen mitzuteilen.

Von Polina Shilyaeva und Ruedi Strese

Helikon Art: Elena, es wäre interessant, ein bißchen über Ihre Familie zu erfahren. Hatten Sie kreative Verwandte, die Sie in der Kindheit inspiriert haben?

Bazanowa: Meine Familie war mit der Kunst nicht direkt verbunden, aber meine Mutter, mein Vater und meine Großmutter waren sicher schöpferische Menschen. Sie haben von frühem Alter mein Interesse am Zeichnen gefördert. Ihre Auffassung von Schönheit und Natur hat meine Weltanschauung beeinflußt. Viele meiner Werke habe ich auf der Datscha im Dorf in der Nähe von Pskov gemacht, wo meine Familie im Sommer gewohnt hat. Meine ersten Zuschauer waren immer Familienangehörige, und die Freude, die mein Schaffen bei ihnen hervorrief, hat mich auch zur Weiterarbeit motiviert. Einst hat die Geburt meiner Tochter mich für die Arbeit mit Kinderbuchillustrationen begeistert. Jetzt bin ich Oma geworden, und die Enkelin regt mich an, ein neues Kinderbuch zu illustrieren.

Helikon Art: Erinnern Sie sich an den „Anfang“, irgendeine interessante Besonderheit Ihres Schaffens als Kind?

Bazanowa: Der Anfang, wie bei meisten Mädchen, war das Prinzessinnenzeichnen. Als Muster dienten mir die Arbeiten meiner Mutter aus ihrer Kindheit. Meine Lieblingszeichenmittel waren Farbstifte und Kugelschreiber. Im Kindergarten (im Alter von 4-5 Jahren) begann ich mit Aquarell und Gouache zu arbeiten. Ich weiß nicht, ob etwas Besonderes in meinen Zeichnungen sichtbar war, aber mein Fleiß, Geduld und Begeisterung beim Zeichnen waren von früher Kindheit zu erkennen. Und auch Liebe zum sauberen Blatt Papier: ich mochte rundweg nicht auf dem Blatt malen, wo schon etwas dargestellt war.

Helikon Art: Sie haben Buchgraphik studiert und beschäftigen sich mit der Illustration. Das fühlt man in Ihren Aquarell-Arbeiten: Virtuosität und Akribie, sogar Erinnerung an Märchen… Habe ich recht? Wie beeinflußt, Ihrer Meinung nach, Ihr Beruf als Illustratorin Ihren individuellen Stil?

Elena Bazanowa
Elena Bazanowa

Bazanowa: Zweifellos, solchen Einfluß gibt es. Künstler-Graphiker, die in ihrer Praxis in unterschiedlichen Techniken und auch in kleinen Formaten arbeiten (Gravuren, Miniaturen, Federarbeiten), haben immer feste und gut trainierte Hand. Diese Fertigkeit habe ich an der Akademie bekommen. Außerdem hat sich die Arbeit mit Kinder-Illustrationen selbst auf meine Weltempfindung ausgewirkt. Besonders ersichtlich war es nach zwei Jahren Arbeit an den Illustrationen zu «Alice» von Lewis Carroll geworden („Alices Abenteuer im Wunderland, erzählt vom Autor für die jüngsten Leser“, 2006). Nach dieser Arbeit habe ich auf neue Weise den Raum gefühlt und begann, seinen neuen Inhalt in meinen Aquarellen zu suchen. Es war mir interessant geworden, den Zuschauer in der Untersuchung von „Mysteriosität“ und „Märchenhaftigkeit“ des Raums hinzureißen.

Helikon Art: Viele Künstler unterscheiden verschiedene Perioden in ihrem Schaffen. Haben Sie solche auch?

Bazanowa: Ja, es gibt Perioden in meinem Schaffen, und sie sind überwiegend mit den Jahreszeiten verbunden. Die abgebildeten Dinge sind in meinen Werken immer lebendig, deswegen kann ich sie nur dann darstellen, wenn sie in ihrer Zeit in der Natur entstehen. Es gibt aber noch einen Grund. Ich wohne und arbeite in Sankt Petersburg, das für seine weißen Nächte bekannt ist. Ich male mit Aquarellfarben nur bei Tageslicht, das im Frühling, Sommer und Frühherbst reicht. Aber im Spätherbst und im Winter sind die Tage sehr kurz, und die tiefe Sonne am Himmel gibt nicht genug Licht für die Arbeit. In dieser Zeit führe ich Workshops und Ausstellungen durch, mache graphische- und Buchprojekte.

Helikon Art: Gibt es in Ihren Arbeiten eine Verbindung mit Volkskunst, Märchen, Liedern? Was könnten Sie als speziell «Russisches» erwähnen? Welche russischen Künstler haben Ihr Schaffen beeinflußt?

Bazanowa: Ich glaube, es gibt nichts typisch Russisches in meinem Schaffen… Einmal hat russisches Lubok (Lindenholztafel) mich dafür begeistert, Illustrationen zu Märchen von Stepan Pisachov aus Archangelsk anzufertigen. Das war mein Diplomprojekt an der Kunstakademie. Dann bin ich zu diesem Thema fast nie zurückgekehrt. Aber ich verlasse die Idee nicht, russische Volksmärchen wieder zu illustrieren.

Vielleicht ist in meinen Aquarell-Arbeiten das nationale Kolorit des russischen Waldes (Pilze) und Feldes (Sträuße der Kamillen und Kornblumen) spürbar. Aber die meisten Motive sind trotzdem international.

Einen besonderen Einfluß von bestimmten Künstlern habe ich nicht bemerkt. Aber, natürlich, habe ich das Schaffen von vielen mit Interesse untersucht. Unter den russischen Künstlern des 19. Jahrhunderts kann ich die Namen von Karl Brjullow und Fjodor Tolstoi unterstreichen.

Elena Bazanowa
Elena Bazanowa

Helikon Art: Was ist für Sie der besondere Reiz des Aquarells?

Bazanowa: Am Aquarell ruft bei mir die Bewegung der Farben im Wasser ein besonderes Entzücken hervor. Alles, was ich bei der Arbeit auf dem Blatt sehe, ist das Element ihres Zusammenwirkens. Das Aquarell ist ein unglaublich reiches, vielfältiges und leidenschaftliches Medium. In meinen Arbeiten versuche ich, seine Möglichkeiten maximal zu entdecken.

Helikon Art: Spielt das Modell eine wichtige Rolle für Ihr Schaffen und Inspiration? In welcher Atmosphäre arbeiten Sie gerne?

Bazanowa: Bei der Arbeit mit dem Aquarell benutze ich immer reale Objekte, und die Natur ist dann immer lebendig. Kein Foto kann Inspiration für die Arbeit geben, da es ein fertiges flaches Bild ist, und kann nur dann als Hilfsmittel beim Malen dienen, wenn die Natur zu schnell welkt. Und nur der emotionale Eindruck, nur die direkte Betrachtung des Darzustellenden gibt mir den nötigen Antrieb für die Arbeit. Natürlich verwende ich auch mein visuelles Gedächtnis, wenn die Natur sich verändert. Bei der Arbeit versuche ich, mich gut zu konzentrieren. Das Aquarell verlangt eine große Spannung und Hingabe, man muß sich alle Kleinigkeiten der Arbeit im Voraus vorstellen. Ich male ohne weiße Farbe und ohne Reservage, und etwas auf dem Blatt zu verändern ist fast unmöglich. Deswegen muß ich versuchen, alle möglichen Fehler schon am Anfang zu verhindern. Aquarellmalerei ist ein relativ schneller Prozess und man muß dabei immer bereit sein, schnell Entscheidungen zu treffen. Das bestimmt eine besondere Atmosphäre in der Werkstatt: ich versuche, in der Stille zu arbeiten, damit nichts mich von der Arbeit ablenken kann. Aber nicht immer sind die Bedingungen ideal. Dann hilft mir die professionelle Fähigkeit, mich nach innen zu kehren.

Helikon Art: Erzählen Sie bitte ein bißchen über Ihre Lehrtätigkeit.

Elena Bazanowa
Elena Bazanowa

Bazanowa: Ich habe sehr wenig freie Zeit und lehre nicht regelmäßig an den Schulen und Universitäten. Mein Format sind Workshops. Sie können von einer Stunde bis zu zwei Tagen dauern. Ich zeige meine Methoden, lehre, das Aquarell zu verstehen und mit diesem lebendigen wässerigen Mittel ohne Angst zu arbeiten. Ich sehe, daß es für meine Zuhörer sehr interessant ist, von den Anfängern bis zu Kunststudenten und Spezialisten.
Derzeit beende ich die Arbeit an meinem großen Buch «Geheimnisse des Aquarells» und hoffe, daß bald ein viel breiteres Publikum das wunderbare und geheimnisvolle Aquarell kennenlernen kann.

Helikon Art: Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person: Elena Bazanowa wurde am 16.11.1968 in Slanzy im Kreis St. Petersburg, Rußland, geboren. 1986 machte sie einen Abschluß an der Kunstrealschule im B.V. Johanson an der Akademie der Bildenden Künste I. Repin in St. Petersburg. 1992 gelang ihr dort ein weiterer Abschluß mit dem Schwerpunkt Buchgraphik im Buchgraphikstudio vom A.A. Pahomov. Seit 1989 arbeitet sie aktiv mit verschiedenen russischen Buchverlagen zusammen, 1995 wurde sie Mitglied des Kunstvereins Rußland, an dessen Saisonausstellungen sie regelmäßig teilnimmt. 1996 begann sie mit der Illustration von Kinderbüchern. 2002, 2004 und 2005 war sie Stipendiatin der Kunststation Kleinsassen in Deutschland. Arbeiten von Elena Bazanowa waren in zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen im In- und Ausland zu besichtigen und befinden sich in Galerien und privaten Sammlungen in Rußland, Deutschland, den USA, Frankreich, England, Schweden, Island, Finnland und den Niederlanden.

Elena Bazanowa wurde vielfach ausgezeichnet:

1999 – Publikumspreis I. Internationale Biennale Neues Aquarell, Kunststation Kleinsassen
2000 – Diplom 2. Grades des Vorstandsrates Kunstverein St. Petersburg
2001 – Publikumspreis II. Internationale Biennale Neues Aquarell, Kunststation Kleinsassen
2001 – Landratspreis Landkreis Fulda mit zweimonatigem Stipendiumsaufenthalt Kunststation Kleinsassen
2007 – Medaille „120 Jahre russische Aquarellistengesellschaft“
2008 – Grand Prix Veniamin Hudolej, IV. Internationale Biennale Graphik in St. Petersburg für die Gestaltung und Illustrationen zum Buch von Lewis Carroll, „Alice im Wunderland, erzählt vom Autor für die jüngsten Leser“
2010 – Diplom der Russischen Kunsakademie
2014 – Diplom der II. Internationalen Triennale der Graphik in Sankt Petersburg «Weiße Nächte 2014»
2015 – Diplom des Kulturkomitees der Regierung Sankt Petersburg.

Bei Facebook: https://www.facebook.com/elenabazanova

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